Großmachtpolitik an der Memel

VOR 200 JAHREN ((2007))

Kaiser Napoleon I. und Zar Alexander I. beschließen 1807 in Tilsit Europas Neuaufteilung


Die einstige ostpreußische Stadt Tilsit im heute russischen Kaliningradskaja Oblast trägt nun den Namen Sovetsk. Und die an Sovetsk vorbei fließende Memel bildet hier seit 1991 als Njemen bzw. Nemunas die Grenze zwischen Russlands Exklave und Litauen. — Vor 200 Jahren war die Stadt Tilsit Schauplatz eines historisch herausragenden Ereignisses, als hier Napoleon I. und Alexander I. einen markanten Meilenstein europäischer Geschichte setzen wollten.

Nach folgenreichen Schlachten trifft sich im Juli 1807 Frankreichs siegreicher Kaiser Napoleon I. mit dem russischen Zaren Alexander I. und dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. in Tilsit, um einen Schlussstrich unter verlustreiche kriegerische Auseinander­setzungen zu ziehen.

Für Preußen wurde der Weg nach Tilsit über die am 14. Oktober 1806 verlorene Doppelschlacht von Jena und Auerstedt vorgegeben. Ruhmlos unterlag die mangelhaft vorbereitete und schlecht geführte preußische Armee einem überlegen taktierenden Napoleon. Bereits am 27. Oktober erscheint der siegreiche Kaiser der Franzosen in Preußens Hauptstadt Berlin. Für den preußischen König bleibt nur der Rückzug in das ferne Ostpreußen. Nur dort besteht noch Hoffnung, zusammen mit dem russischen Verbündeten eine militärische Wende herbei­zuführen. Von deutschen Fürsten ist zu diesem Zeitpunkt keine Hilfe zu erwarten. Österreich — im Bündnis mit Russland — hatte am 2. Dezember 1805 in der „Dreikaiserschlacht“ bei Austerlitz in Südböhmen eine vernichtende Niederlage durch Napoleon hinnehmen müssen. Und die Mehrheit der westdeutschen Länder hatte sich am 12. Juli 1806 unter dem „Protektor“ Napoleon zum Rheinbund zusammengeschlossen, womit auch das Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation gekommen war. — Jetzt rächt sich die Unentschlossen­heit des preußischen Königs; Preußen hat sich mit einer pendelnden Neutralitätspolitik in die Isolation manövriert.

Am 7. und 8. Februar 1807 kommt es bei Preußisch-Eylau in Ostpreußen für Frankreich und Preußen zu einer weiteren verlustreichen Schlacht. Eine Entscheidung fällt jedoch nicht; Napoleon zieht sich zunächst zurück und lässt seine Truppen entlang des Flusses Passarge das Winterquartier beziehen. Parallel belagern Soldaten Napoleons und des Rheinbundes das befestigte Danzig; Ende Mai müssen die preußischen Soldaten kapitulieren und ziehen sich nach Königsberg zurück.

Napoleon nutzt die kommenden Monate zur Verstärkung seiner Armee und zieht zusätzliche Soldaten aus Frankreich und dem Rheinbund heran. Schließlich stehen dem französischen Kaiser etwa 80.000 Mann zur Verfügung, die am 14. Juni in der Schlacht von Friedland (Ostpreußen) gegen die russische Armee und restliche preußische Kontingente antreten. — Napoleon kann dieses Mal die Schlacht für sich entscheiden.

Das Ergebnis von Friedland führt französischen Kaiser und russischen Zar zum Waffenstillstand. Zwischen Kaiser und Zar kommt es zu überraschenden Freundschaftsbekundungen, nachdem sich beide Herrscher erstmals in der Mitte der Memel auf einem „neutralen“ Floß treffen. Für Friedrich Wilhelm III. bleibt nur noch eine Statistenrolle.

Am 7. Juli 1807 schließen Napoleon I. und Alexander I. in Tilsit einen Frieden, der zu einer neuen europäischen Machtordnung führen soll. Beide Herrscher entscheiden sich für eine machtpolitische Aufteilung Europas zwischen Frankreich und Russland. Napoleon sichert sich damit vor allem seinen Einfluss über die Gebiete bis zum westlichen Elbeufer und Russland erreicht die Unversehrtheit seines Territoriums. Zudem gewährt Napoleon seinem Vertragspartner freie Hand gegenüber Schweden und Türken. Im Gegenzug verpflichtet sich Zar Alexander I. gleichfalls zur Blockade englischer Handels- und Schiffsaktivitäten.

Am 9. Juli 1807 folgt der Friedensvertrag zwischen Frankreich und Preußen. Im Gegensatz zu den Verhandlungen mit Russland stellt Napoleon nun demütigende Forderungen. Auch eine persönliche Fürbitte der preußischen Königin Luise lässt Napoleon zu keinen Konzessionen bewegen. Dass es überhaupt noch bei einem verkleinerten eigenständigen preußischen Staat bleibt, ist dem russischen Zaren zu verdanken, der sich als bisheriger Verbündeter dem Preußenkönig verpflichtet fühlt und Preußen sicherlich als mög­lichen Pufferstaat zwischen dem Westeuropa Napoleons und seinem Reich sieht.

Die Bedingungen des französisch-preußischen Friedens-Traktats sind hart. Preußen verliert vor allem seine Gebiete westlich der Elbe; hier entsteht das neue Königreich Westfalen mit Napoleons jüngerem Bruder Jérôme als König. „Seine Majestät der König von Preußen entsagen für sich und ihre Erben und Nachfolger jedem jetzigen und künftigen Anspruche, den sie machen könnten.“

„Seine Majestät der König von Preußen entsagt ebenmäßig auf immer dem Besitze der Stadt Danzig.“ Aber nicht nur das damit eigenständige Danzig „mit einem Territorium von 2 Stunden ringsum“ hat sich der französischen Kontinentalsperre gegenüber England anzuschließen, sondern auch das restliche Preußen.

Napoleon in der Schlacht bei Preußisch-Eylau — Monumentalgemälde (Ausschnitt) von Antoine-Jean Gros im Pariser Louvre
Verloren gehen für Preußen auch die zuvor angeeigneten Gebiete aus den beiden letzten Teilungen Polens. Ein Teil dieser Region wird Russland zugestanden; eine größere Fläche mit 104.000 qkm und ca. 2,6 Millionen Einwohnern bildet das Herzogtum Warschau und wird in Personalunion dem neu ernannten Rheinbund-König von Sachsen zugewiesen. Tatsächlich handelt es sich bei dem Herzogtum Warschau jedoch um einen weiteren Vasallenstaat Napoleons, den er für sein machtpolitisches Taktieren benötigt. Die Wiedererstehung eines souveränen polnischen Staates ist von den Haupt­akteuren nicht eingeplant.

Für Preußen bleibt es jedoch nicht bei den in Tilsit diktierten territorialen Verlusten. Nachträglich folgen vor allem erdrückende finanzielle Forderungen Frankreichs sowie Auflagen zur drastischen Truppenreduzierung, die Preußen zu einem bankrotten und schwachen Staat machen. Zudem sollen bis zur Begleichung aller auferlegten Zahlungsverpflichtungen Besatzungssoldaten im Lande bleiben.

In Tilsit werden somit völlig veränderte europäische Macht­verhältnisse geschaffen. Nach zehn Monaten Abwesenheit kann Napoleon deshalb erneut triumphierend nach Paris zurückkehren. Auf dem Kontinent sind Frankreich und Russland nun die allein bestimmenden Mächte. Lediglich England kann noch zu einer Gefahr für Napoleon werden. Um so wichtiger sind die abhängigen Länder für die Bereitstellung von Soldaten zum Dienst unter Napoleons Kommando.

Unerwartet entwickelt sich für Napoleon jedoch bereits ab 1808 Ungemach auf der iberischen Halbinsel. Er wird dort zur erfolglosen militärischen Intervention gezwungen. Dies wiederum ermutigt Österreich zur Erhebung gegen Frankreich. Napoleon reagiert jedoch kompromisslos und straft die Habsburger mit territorialen Verlusten und der Herabstufung zu einer von Frankreich abhängigen Macht.

Der nächste Widersacher Napoleons wird ab 1809 in der Person des russischen Zaren erkennbar. Im Frühjahr 1812 erscheint der Franzosenkaiser deshalb erneut in Ostpreußen, um hier und im Herzogtum Warschau eine bisher nicht gekannte Streitmacht von insgesamt rund 600.000 Mann für den Marsch Richtung Moskau zu sammeln. Etwa 100.000 Soldaten stammen aus den Rheinbundländern; Österreich und Preußen müssen zusammen 50.000 Mann bereitstellen. Hinzu kommen Kontingente aus Napoleons übrigen Vasallenregionen; hierzu gehören vor allem polnische Soldaten. Hauptsammelpunkte sind Elbing, Marienburg, Marienwerder sowie entlang der Weichsel die Städte Thorn, Plock, Warschau und Pulawy.

Nach verlustreichen Aktionen bis nach Moskau hinein und einem in der Katastrophe endenden Rückmarsch finden nur etwa 10 Prozent der geschlagenen Grande Armée  den Weg zurück über die Memel. Was 1807 an der Memel als Neuaufteilung Europas geplant war, führt nun zum Niedergang Napoleons und für Preußen zum wirtschaftlichen und politischen Wiederaufstieg.

Die Neuordnung Europas nach Napoleons Vorstellungen hatte somit nur wenige Jahre Bestand. Für Frankreich bleibt der Tilsiter Frieden dennoch ein historisch markantes Ereignis. In Paris erinnert u.a. die Rue de Tilsitt als Halbkreis-Verbindung (zum Arc de Triomphe) zwischen der Avenue de la Grande Armée und der Avenue des Champs-Élysées an europäische Geschichte im einst preußischen Ostpreußen.

Und für ein Litauer Reisebüro sind die Tilsiter Ereignisse von 1807 Anlass für „Jubiläumsreisen 1807-2007“. Geboten wird deutschen Touristen „eine ganz besondere Reise in die Vergangenheit mit Einblick hinter die 200 Jahre alten Kulissen“. Hierzu gehören Besuche im einstigen Tilsit, Memel, Königsberg und dem Samland.



© Manfred Raether

Das Buch „Polens deutsche Vergangenheit“ behandelt auch die napoleonische Zeit mit ihren Auswirkungen für die historischen deutschen Ostgebiete.
   
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