Napoleons ostpreußischer Nachlass in Paris

Touristische Höhepunkte wie Triumphbogen (Arc de Triomphe), Louvre oder Eiffelturm finden bei allen Besuchern der französischen Metropole allgemeine Bewunderung. Viel Interessantes bleibt jedoch häufig unregistriert, da entsprechende Hinweise auf  bedeutsame Zusammenhänge fehlen. Dies gilt in Paris auch für historische Hinterlassen­schaften mit Bezug zu Ereignissen aus ostpreußischer Vergangenheit. Auch wenn es sich hierbei aus Sicht eines Ostpreußen um wenig erfreuliche Geschehnisse aus der Zeit Napoleons I. handelt, wird ein historisch interessierter deutscher Besucher die entsprechenden Stätten sicherlich bewusster zur Kenntnis nehmen, wenn dahinter verborgene historische Zusammenhänge geläufig sind.

Als Ausgangspunkt für eine „ostpreußische Paris-Tour“ bietet sich der monumentale Arc de Triomphe an. Unter den dort eingemeißelten Schlachten Napoleons I. sind  auch die ostpreußischen Städtenamen (Preußisch) Eylau, Heilsberg und Friedland in Stein verewigt. — In der aufgeführten Reihenfolge der ostpreußischen Ortsnamen hatte Napoleon 1807 entscheidende Schlachten gegen preußische bzw. mehrheitlich russische Truppen ausgefochten.

Am 8. Februar bezwang Napoleon bei Preußisch Eylau (heute Bagrationowsk im russischen Kaliningradskaja Oblast) mit einer 70.000 Mann starken Armee unter eigenen hohen Verlusten eine Streitmacht von 65.000 Russen und 6000 Preußen. Die damaligen Kampfhandlungen gelten als eine der blutigsten Schlachten Napoleons und endeten mit insgesamt etwa 45.000 Toten und Verwundeten. Im Anblick der vielen Opfer der Schlacht von Preußisch Eylau soll Napoleon seinen Ausspruch „Une nuit de Paris réparera tout ça“ („Eine Nacht in Paris wird das alles wieder gutmachen“) gemacht haben.

Am 10. Juni folgte die Schlacht bei Heilsberg (dem heute polnischen Lidzbark Warminski), wo 70.000 Russen und Preußen auf 43.000 Soldaten der Franzosen trafen. Bei insgesamt 16.000 Toten und Verwundeten konnten dieses Mal die verbündeten Russen und Preußen den Sieg für sich reklamieren. Jedoch bereits ein paar Tage später errang Napoleon dann am 14. Juni bei Friedland (dem heutigen Prawdinsk; gleichfalls im Kaliningradskaja Oblast gelegen) einen entscheidenden Sieg über die russischen Truppen. Hier trafen 60.000 Russen sowie einige verbliebene preußische Kontingente auf 80.000 Franzosen; insgesamt waren nach der Schlacht von Friedland etwa 25.000 Tote und Verwundete zu beklagen; Russland verlor zudem etwa 20.000 Mann als Gefangene der Franzosen.

Für die Zeit von April bis Juni 1807 wählte Napoleon das Barockschloss Finckenstein (nordöstlich von Rosenberg; polnisch: Susz) zu seinem Hauptquartier. Hier kam es auch zu häufigen Begegnungen mit der polnischen Gräfin Walewska; aus dieser Beziehung entstammte ein gemeinsamer Sohn.

Das Ergebnis der Schlacht von Friedland führte französischen Kaiser und russischen Zar zum Waffenstillstand. Und bereits am 7. Juli 1807 schlossen die beiden Herrscher im ostpreußischen Tilsit einen für Preußen schmachvollen Frieden, der zu einer radikal neuen europäischen Machtordnung führen sollte.

An den Friedensschluss von Tilsit erinnert in Paris die Rue de Tilsitt, die sich ab der Avenue des Champs-Élysées halbkreisförmig bis zur Avenue de la Grande Armée um den zentralen Bezirk des Triumphbogens zieht. Die Rue de Tilsitt kreuzt hierbei die Avenue de Friedland, die als großzügige mehrspurige Allee vom Platz des Triumphbogens (Charles de Gaulle-Étoile) in Richtung Boulevard Haussmann führt. Eine weitere Pariser Avenue erinnert an die Schlacht von Preußisch Eylau; die Avenue d'Eylau verbindet den Place de Mexico mit dem allseits bekannten Place du Trocadéro et du 11 Novembre.

Straßenschild an der Avenue de Friedland



Einen weiteren Bezug zu Preußisch Eylau findet man bei einem Besuch des Pariser Louvre. Hier hängt eines der monumentalen Schlachtengemälde von Antoine Jean Gros, das den Feldherrn Napoleon vor dem brennenden Preußisch Eylau zeigt, während der Bürgermeister um Milde für seine Stadt bittet. Auch eine Pariser Kirche — Eglise Saint-Honorè d'Eylau — trägt ihren Namen in Ableitung zu den blutigen Ereignissen vor über 200 Jahren.

Und wer Napoleons Ruhestätte im Invalidendom (Hôtel des Invalides) besucht, registriert unter den dort lediglich acht aufgeführten Schlachten des Franzosenkaisers auch den ostpreußischen Ortsnamen Friedland in großen Lettern auf dem Sockel des mächtigen Sarkophag.

Und wenn der Weg den Paris-Besucher weiter nach Versailles führt, so kann er dort im Nationalmuseum des Schlosses (Musée national du château et des Trianons) monumentale Gemälde sowie Graphiken zu den Schlachten von Friedland (z. B. von Horace Vernet) und Preußisch Eylau betrachten.

Napoleons Auftritt in Ostpreußen beschränkte sich aber nicht auf das Jahr 1807. Fünf Jahre später machte er sich erneut auf den Weg Richtung Osten, um 1812 bis nach Moskau marschieren zu lassen. Sein Hinweg führte ihn über Posen, Thorn, Danzig, Königsberg, Insterburg und Gumbinnen nach Russland hinein. Von seiner rd. 650.000 Mann starken Streitmacht mit etwa 1200 Geschützen kehrt fünf Monate später nur noch ein kleiner Rest über die russisch-ostpreußische Grenze zurück.

© Manfred Raether



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